Reihe: Wer überlebt die Baukrise?
Reihe: Wer überlebt die Baukrise? – Was die Entwicklung der Baugenehmigungen der letzten Jahre wirklich zeigt.
Teil 1: Der Wohnungsbau ist eingebrochen. Aber nicht alle Baustoffe gleich.
Seit 2022 befindet sich der Markt im freien Fall. Das ist bekannt. Das ist schmerzhaft. Das ist politisch.
Was kaum jemand sieht: Unter der Oberfläche verschiebt sich gerade etwas.
Ich habe die aktuellen Destatis-Daten ausgewertet – aufgeschlüsselt nach fünf Gebäudeklassen.
Die Holzbauquote 2025 – also der Anteil genehmigter Gebäude mit überwiegendem Baustoff Holz:
🏠 Ein- und Zweifamilienhäuser: 28 %
🏢 Mehrfamilienhäuser: 8 %
🏛️ Öffentliche & institutionelle Gebäude: 24 %
🏭 Gewerbe- und Industriegebäude: 21 %
🐄 Landwirtschaftliche Betriebsgebäude: 34 %
Die Unterschiede sind enorm.
Wer nur auf den Gesamtdurchschnitt schaut, versteht die Verschiebung nicht. Wer nur auf den Baustoff schaut, versteht den Trend nicht.
Ich habe deshalb die Entwicklung seit 2016 indexiert – Baustoff für Baustoff. Segment für Segment. Das Ergebnis hat mich überrascht.
Teil 2: Ziegel, Kalksandstein, Beton – der Markt bricht ein. Aber einer wächst.
Deutschland braucht dringend mehr Wohnungen – vor allem in den Ballungszentren. Gleichzeitig fehlen in Deutschland bis 2030 voraussichtlich über 3 Millionen Fachkräfte – das Baugewerbe ist dabei besonders stark betroffen. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente. Zu wenig Nachwuchs rückt nach.
Die Schlussfolgerung ist eigentlich zwingend: Wir können das Wohnungsproblem nicht mit den Methoden lösen, die es bislang nicht gelöst haben.
Schneller bauen. Mit weniger Personal. Ohne Qualitätsverlust. Das geht nur mit industrieller Vorfertigung – seriell, modular, reproduzierbar.
Und genau hier werden die Baugenehmigungsdaten interessant.
Ich habe zwei Dinge gemessen – und beide erzählen dieselbe Geschichte:
1) Die absoluten Zahlen – indexiert auf 2016 = 100:
Der Gesamtmarkt im Mehrfamilienhausbau ist seit 2022 massiv eingebrochen. Alle Baustoffe verlieren absolut – drastisch. Nur einer nicht: Holz steht 2025 bei Index 128 – 28 % über dem Ausgangsniveau von 2016.
2) Die Marktanteile – was sich strukturell verschoben hat:
🧱 Ziegel: 27 % (2016) → 25 % (2025)
🪨 Kalksandstein: 33 % (2016) → 33 % (2025)
🏗️ Stahlbeton: 20 % (2016) → 22 % (2025)
🔲 Porenbeton: 11 % (2016) → 10 % (2025)
🌲 Holz: 4 % (2016) → 8 % (2025) – verdoppelt
Die massiven Bauweisen halten ihre Anteile weitgehend oder verlieren. Aber die Holzbauweise hat ihren Marktanteil im Geschosswohnungsbau in zehn Jahren verdoppelt. Ja, auf einem niedrigen Niveau, aber in einem Markt, der insgesamt einbricht.
Das ist bemerkenswert! Das ist eine strukturelle Verschiebung.
Und sie hat einen Grund: Moderner Holzbau ist konsequent vorgefertigtes Bauen. Seriell. Modular. Klimafreundlich. Der Markt erkennt das – auch wenn die Politik noch nachziehen muss und für das Bauen mit Holz faire Rahmenbedingungen zu gestalten.
👉 Aber Holz ist nicht der einzige Gewinner. Es gibt einen zweiten – und der macht die eigentliche These dieser Serie erst vollständig.
Teil 3: Der Holzbauanteil wächst. Der Fertigteilbau auch. Das ist kein Zufall!
Im letzten Teil haben wir gesehen: Holz verdoppelt seinen Marktanteil im Mehrfamilienhausbau – in einem schrumpfenden Markt.
Heute kommt der Twist.
Destatis erfasst neben den Baustoffen auch den Fertigbauanteil. Diese Zahl ist mehr als eine statistische Randnotiz. Sie zeigt, was gerade den Unterschied macht:
Serielles, modulares, industrielles Bauen … mit Holz!
Ich habe die Indexentwicklung von Holzbau und Fertigteilbau bei Wohngebäuden auf 2016 = 100 gegenübergestellt – siehe Grafik:
🌲 Holzbau: Index 151 – also 51 % über dem Ausgangsniveau
🏗️ Fertigteilbau: Index 146 – also 46 % über dem Ausgangsniveau
📉 Konventionelle Baustoffe: Index 91 – rückläufig
📉 Konventionelle Bauweisen: Index 91 – rückläufig
Zwei Kurven steigen. Zwei fallen. Nahezu spiegelbildlich.
Warum laufen diese Kurven so synchron?
Die Antwort steckt in einer zweiten Grafik, die den Fertigbauanteil nach Gebäudeart und verwendetem Baustoff zeigt – und das Ergebnis hat mich in dieser Deutlichkeit selbst erstaunt:
🏠 Ein- und Zweifamilienhäuser (EFH) mit Holz: 85 % in Fertigbauweise
🏢 Mehrfamilienhäuser und Wohnheime (MFH) mit Holz: 70 % in Fertigbauweise
🏠 EFH mit konventionellen Baustoffen: nur 5 % in Fertigbauweise
🏢 MFH mit konventionellen Baustoffen: nur 3 % in Fertigbauweise
Holzbau und Fertigbau sind keine zwei verschiedenen Trends. Sie sind zwei Seiten derselben Medaille.
Der ein oder andere von Euch fragt sich vielleicht: Was bedeutet eigentlich serielles, modulares und systematisches Bauen – sogenannte sms-Bauweisen?
Dabei werden großteilige Wand-, Decken-, Boden-, Dach-, Fassadenelemente oder gar ganze raumbildende Module bzw. sog. Raumzellen in einem Werk vorgefertigt, zur Baustelle gefahren sowie dort in oft Windeseile zu fertigen Gebäuden zusammengefügt und montiert.
Das Ergebnis: schneller, planbarer, kostensicherer – und mit weniger Personal auf der Baustelle.
Definition nach dem gleichnamigen Rundem Tisch der Bundesstiftung Bauakademie – Link im Kommentar.
Holz ist die prädestinierte Bauweise dafür. Nicht weil es so beschlossen wurde, sondern weil der Markt es bereits so entschieden hat.
Mein Fazit: Wer schneller bauen will, braucht vorgefertigtes Bauen. Wer serielles Bauen fördert, fördert den Holzbau.
Teil 4: Heute schauen wir auf die regionale Landkarte – und die erzählt eine Geschichte mit großen Unterschieden.
Die Holzbauquote 2025 im Wohnungsbau – siehe Karte:
Die Vorreiter:
🌲 Baden-Württemberg: 45,1 % EFH / 12,4 % MFH
🌲 Thüringen: 33,0 % EFH / 22,7 % MFH
🌲 Bayern: 31,5 % EFH / 10,5 % MFH
Der Bundesdurchschnitt:
🏠 Deutschland: 28,1 % EFH / 8,2 % MFH
Und dann ist da Nordrhein-Westfalen:
🏗️ NRW: 20,7 % EFH / 4,9 % MFH
Das bevölkerungsreichste Bundesland. 18 Millionen Einwohner. Größter Wohnungsmarkt Deutschlands. Und eine Holzbauquote im Mehrfamilienhaus, die deutlich unter dem Bundesdurchschnitt liegt.
Im EFH liegt NRW bei 20,7 % – die Industrie kann in Holz bauen. Und mit Bauministerin Ina Scharrenbach sitzt seit zwei Legislaturperioden eine ausgesprochene Unterstützerin des Holzbaus an entscheidenden Hebeln.
Wo liegt dann das Problem?
Die Beharrlichkeit sitzt woanders – in den Verwaltungen, Bauämtern und Vergabestellen. Bei Planern, die selten mit Holz gearbeitet haben. Bei Genehmigungsbehörden, die Holzbauanträge mit mehr Vorbehalten prüfen als mineralische Bauweisen.
Der Informations- und Fortbildungsbedarf ist hoch – und er ist eine der zentralen Stellschrauben.
Aber es gibt positive Signale: Unsere Unternehmen berichten zuletzt von steigendem Interesse und zahlreichen neuen Holzbauprojekten in NRW.
Das zeigt: Das Potenzial ist da. Die Kompetenz der Industrie ist da. Die politische Unterstützung ist da.
Was fehlt, sind die richtigen Rahmenbedingungen – im Ordnungsrecht, im Vergaberecht, in der Förderung.
Teil 5: Wer seriell mit Holz baut, bekommt den Klimaschutz gratis dazu.
Holz wächst im Mehrfamilienhausbau gegen den Trend. Serielles Bauen setzt sich durch – weil es schneller, planbarer und skalierbarer ist.
Aber es löst nicht nur das Wohnungsproblem. Es trägt gleichzeitig dazu bei, den CO₂-Ausstoß im Gebäudesektor zu senken.
Eine wissenschaftliche Studie – Hafner et al. – zeigt das Treibhausgas-Einsparpotenzial in der Herstellungsphase bei Verwendung von Holz in der Konstruktion statt energieintensiver Baustoffe:
🏠 EFH: 35 % bis 56 % weniger Treibhausgase
🏢 MFH: 9 % bis 48 % weniger Treibhausgase
Ohne Fotovoltaik. Ohne Wärmepumpe.
Warum die große Bandbreite beim MFH?
Zwei Gründe:
1. lassen sich Gründung, Tiefgarage und Kellergeschoss aus bauphysikalischen Gründen nicht durch Holz ersetzen.
2. enthält auch das konventionelle Gebäude bereits Holz – Dachstuhl, Zwischendeckenbalken – wo keine zusätzliche Einsparung entsteht.
was ist mit Treppenhaus und Rettungswegen? Diese können heute auch in Holz gebaut werden – brandschutztechnisch möglich und genehmigungsfähig. Die bestehenden Anforderungen hinsichtlich der brandschutztechnischen Bekleidung mit Gips – wie sie auch in der novellierten Muster-Holzbau-Richtilinie verankert ist – verteuern jedoch die Holzlösung.
Das ist eine regulatorische Stellschraube, wo sicher noch Holzbaupotenial gehoben werden kann!
Mein Fazit: Wer den CO₂-Ausstoß im Gebäudesektor senken und die Wohnungsnot mindern will, muss serielles Bauen mit Holz ermöglichen.
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